Bericht: Ein Haus für Morgen

Der Verein Rumänien-Arbeitsgruppe- Hemmingen leistet Aufbauarbeit in Rumänien, in dem Kinderheime unterstützt werden, damit die Kinder in Rumäniens ärmsten Regionen eine Chance haben, ein lebenswertes Leben zu führen. Jährlich bereisen Mitglieder des Vereins Rumänien zwecks Evaluierung. Dies ist ein Bericht der letzten Reise, die Ende Oktober unternommen wurde.

Am 19. Oktober 2007 in aller Früh ist Reiseantritt, Ziel unserer Reise ist Székely-Keresztúr in Rumänien.
Der Verein Rumänien-Arbeitsgruppe-Hemmingen „Ein Haus für Morgen“ engagiert sich in im Bezirk Harghita inzwischen seit 15 Jahren für Waisenkinder: Kurz nachdem der Diktator Nicolae Ceauşescu 1989 gestürzt wurde, kursierten in unseren Medien Berichte über die überfüllten und verwahrlosten Waisenhäuser Rumäniens. Ceauşescu hatte seinerzeit Gesetze in die Wege geleitet, die den Kinderreichtum Rumäniens fördern sollten, in diesem Zuge verbot die Regierung unter Freiheitsstrafe Abtreibung und Verhütung. Die (gewollte) Folge war, dass die Frauen Kinder gebaren, die sie gar nicht unterhalten und versorgen konnten und ins Waisenhaus abgeben mussten. Die Kinderheime waren dementsprechend überfüllt und in erster Linie Aufbewahrungsanstalten; pädagogische Betreuung war nebensächlich, Beschäftigungsmöglichkeiten und Förderung für die Kinder mangelhaft. Nachdem nach Ceauşescus Sturz in Westeuropa die katastrophalen Verhältnisse in den Waisenhäusern Rumäniens bekannt wurden, leitete man vielerorts Hilfsaktionen in die Wege, um den Kindern eine bessere Zukunft zu sichern.

In Székely-Keresztúr befand sich das zweitgrößte Waisenhaus Rumäniens mit etwa 500 Kindern und Jugendlichen, hier begann die Hilfe des Vereins „Ein Haus für Morgen“. Neben anderen Organisationen, die sich ebenfalls in Székely-Keresztúr engagieren, hat „Ein Haus für Morgen“ ein besonderes Konzept entwickelt: Jeweils zehn Waisenkinder werden in teilweise extra dafür erbauten Familienhäusern untergebracht, die ein pädagogisch ausgebildetes Ehepaar rund um die Uhr betreut. Ziel ist es, den Kindern ein möglichst normales Familienleben zu ermöglichen. Inzwischen hat „Ein Haus für Morgen“ schon vier solcher Familienhäuser erbaut, ein fünftes ist im Entstehen.

Alljährlich besucht ein Vorstandsmitglied der Rumänien-Arbeitsgruppe-Hemmingen diese Familienhäuser, so auch dieses Jahr wieder; Interessierte und Mitglieder des Vereins sind immer herzlich eingeladen an einer solchen Fahrt teilzunehmen. Dieses Jahr nimmt Vorstandsmitglied Günther Heinken vier weiteren Vereinsmitgliedern für neun Tage nach Rumänien mit und ich bin auch von der Partie. Abzüglich der Hin- und Rückfahrt bleiben uns fünf volle Tage vor Ort, die mit jeder Menge offiziellen Besuchen ausgefüllt sind und leider viel zu wenig Zeit, um mit den Kindern zu spielen. Unsere Unterkunft ist privat bei Mitgliedern des Vereins vor Ort, wir werden alle herzlich von unseren „Gasteltern“ aufgenommen. Da wir uns im überwiegend ungarisch besiedelten Teil Rumäniens dem Bezirk Harghita, befinden, versorgen uns unsere Gastgeber reichlich mit ungarischen Spezialitäten. Bei einem Besuch –sei er auch noch so kurz- darf daher auch nie der obligatorische Pálinka, der selbstgebrannte Obstler, fehlen.

Ein weiteres Projekt, das die Rumänien-Arbeitsgruppe-Hemmingen unterstützt, ist eine Nachmittagsschule, die das unitarische Pastorenehepaar Alpar und Martha in Fiatfalva aufbauten und leiten. Auch hier hatten wir die Gelegenheit, die Schule zu besuchen. Es werden insgesamt zwölf Kinder unterrichtet, meist Roma, aber auch Kinder aus einkommensschwachen ungarischen Familien. Neben der individuellen Förderung bringen sie den Kindern auch Hygiene und Umgangsformen bei. Viele Roma-Kinder fallen aus dem staatlichen Bildungssystem heraus, weil sie sich die Schule nicht leisten können. Die Anschaffung der Materialien benötigt viel Geld, oft fehlt es aber auch schon an ausreichend warmer Kleidung für die Wintermonate, so dass die Kinder zuhause bleiben. Ein weiterer Grund ist, dass rassistische Einstellung und Vorurteile gegen Roma immer noch weit verbreitet sind, sowohl bei den Kindern als auch bei den Lehrern.
Die kleine Nachmittagsschule in Fiatfalva ermöglicht so einigen dieser Kindern, für nur einen geringen symbolischen Betrag Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen und eine warme Mahlzeit zu erhalten.

Der sehr engagierte Pastor Alpar schlug vor, mich zu einem Besuch bei einigen Familien seiner Nachmittagsschüler mitzunehmen, damit ich einen Eindruck von den Lebensumständen der Romafamilien erhalte: Durch die Romasiedlung Fiatfalvas führt ein abschüssiger schlammiger Weg, am Rand stehen dicht gedrängt die kleinen bunten Häuser. Unser erster Besuch ist bei Naomi. Das Haus besteht aus einem 16 Quadratmeter großen Zimmer, in dem Naomi mit ihren Eltern und zwei Geschwistern lebt. Den Großteil des Raumes nehmen Schlafgelegenheiten ein, in einer Ecke befindet sich ein Feuerherd, der für Wärme in den schlecht isolierten Häusern sorgt, Feuerholz besorgt man sich illegal aus dem Wald. Kleinere Wäschestücke hängen an einer Leine im Zimmer, der Rest hängt draußen über dem Zaun, die bei dem schlechten Wetter der letzten Tage keine Chance zum Trocknen gehabt haben dürften. Ich erfahre, dass Naomi, die die Nachmittagsschule besucht, die einzige in den Familie ist, die lesen und schreiben kann. Ihre Mutter ist zwar sechs Jahre lang zur Dorfschule gegangen, aber Lesen und Schreiben kann sie trotzdem nicht.
Nach einigen Minuten füllt sich der kleine Raum mit neugierigen Menschen, an den Fenstern blinzeln uns kleine Kinderaugen entgegen. Einer der Männer nimmt uns mit zu seinem Haus nebenan: In zwei Zimmern à 14 Quadratmetern lebt er mit seinen sieben Kindern. Er erzählt uns, dass er letzten Sommer für sechs Wochen schwarz in Ungarn auf dem Bau gearbeitet hat, sein Verdienst aus dieser Zeit sind 250 Euro; genauso viel, wie ich für die Kamera bezahlt habe, die ich in meiner Hand halte.

Links
Rumänien Arbeitsgruppe Hemmingen (Hannover)

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